"Die Lage der Arbeiterklasse verschlechterte sich weiter".

     Wolfgang Wiebach: Erinnerungen an die Fürstenschule Grimma.

Fürstenschule Grimma
an der Mulde.

Links die
Klosterkirche.

     Eigentlich wollte ich lieber auf die "Oberschule" gehen, die freundlich-gelb durch die Bäume des Schwanenteichs schimmerte, als auf die Fürstenschule, grimmig-rot hinter den düsteren Sträßchen der Altstadt gelegen. Aber mein "Alter Herr", seines Zeichens Direktor der Handelsschule, stand auf freundlichem Fuß mit seinem Amtskollegen Kelterborn, Direktor der Fürstenschule, und damit hatte mein Begehren wenig Aussicht auf Erfüllung.

     So wurde ich eines schönen Ferientages 1943 dorthin geschleppt, um dem Amtsbruder in aller Förmlichkeit "vorgestellt"zu werden - eine würdevolle Geste aus dem letzten Jahrhundert, aber reichlich überflüssig, denn die briefliche Anmeldung hätte genügt. Die beiden fachsimpelten eine Weile, bis Kelterborn wohl glaubte, nun seinerseits das historische Spiel fortführen und mich "auf den Zahn fühlen" zu müssen - ebenfalls überflüssig, denn die richtige Aufnahmeprüfung kam sowieso noch. So schob er mir einen Bogen Papier hin und sagte, ich solle doch mal das Wort "unentgeltlich" aufschreiben. Ich bin sicher, daß ich es kaum je gehört und nie verwendet hatte; und mit dem ungewissen Gefühl, daß es etwas mit Geld zu tun hat, schrieb ich's - natürlich falsch: mit einem "weichen d", wie wir in Sachsen sagten.
     Das war meine erste Panne an der Fürstenschule.
Fürstenschule Straßenansicht
     Immerhin konnte ich meinen Eindruck von mangelhafter Grundausbildung wieder etwas aufbessern, als wir von Kelterborn durch den Innenhof hinausbegleitet wurden und er beiläufig fragte, ob ich wohl die römische Zahl am Denkmal des Schulgründers Moritz von Sachsen lesen könnte. Die beiden Direktoren unterhielten sich weiter ohne lange auf eine Antwort zu warten, in der Annahme, daß entweder gar keine oder höchstens eine falsche kommen würde. Und zunächst kam auch keine, denn sowas will erstmal ausgerechnet werden. Nach einer Minute platzte ich damit heraus: 1550, was beide höchlich erfreute und mich vor einem unersprießlichen Feriennachmittag bewahrte. Ich wußte es damals noch nicht, aber die Weiche zwischen sprachlicher und mathematischer Abteilung war für mich wohl damit gestellt.