Wolfgang Wiebach: Erinnerungen an die Fürstenschule Grimma - Teil 2.

Die neuen Fürstenschüler 1943
     Mit den Sprachen ging's auch nicht so gut weiter. Ich glaube, unser erster Englischlehrer hieß Pfeifer, und in der allerersten Englischstunde lernten wir das Wort poor. Außerdem verfielen wir in sprachloses Erstaunen über die sagenhaft umständliche Satzbildung von Fragen und Verneinungen - so'n Quatsch soll eine Weltsprache sein? Na ja, zu Hause vom väterlichen Schulmeister ausgehorcht, verkündete ich im Brustton der Überzeugung: pohr. "Nein, das ist falsch", wurde ich belehrt, "es heißt puhr"! "Er hat pohr gesagt"! "Nein, er hat bestimmt puhr gesagt". Pohr! Puhr! Am Ende setzte es Schläge und es fielen Tränen. Was wir beide, Vater und Sohn, nicht wußten: daß die Engländer so eine Art trübe Mittelvokale haben, die von ihnen in anderweitig unbenützten Teilen der Mundhöhle erzeugt werden und in vernünftigen Sprachen gar nicht vorkommen. Das Problem mit Pfeifer war, daß er zu sehr Englisch sprach und seine Mittelvokale so oder so verstanden werden konnten. Hätte er einen anständigen deutschen Akzent an den Tag gelegt und puhr gesagt, wäre nicht dieser weitere Schatten über meine sprachliche Schulung gefallen.

     Mit Kelterborn kam ich später gelegentlich privat zusammen, wenn ich ihm in der Dunkelkammer in seiner Wohnung beim Vergrößern helfen durfte. Er besaß, was mein Alter Herr anhimmelte aber sich nie leisten zu können glaubte, eine Rolleiflex, mit der er oft Schüler auf Wanderungen aufnahm. Das war natürlich auf schwarz-weiß Film, den er selbst entwickelte und vergrößerte, Bild nach Bild liebevoll von Hand in den zwei Schalen mit Entwickler und Fixierbad. Es war die reine Zauberei, und ich war verzaubert, wenn im roten Licht und den Dünsten der Chemikalien das Bild langsam auf dem Papier erschien. "Über die Ecke abtropfen lassen" pflegte er mich zu ermahnen, wenn ich es dann mit der Pinzette rausfischte. Wir witzelten manchmal, ob die eine odere andere Gestalt in die Vergrößerung 'reingenommen werden sollte, oder es verdiene, abgeschnitten zu werden. Das Abschneiden solcher Randgestalten muß wohl das Nazivergehen gewesen sein, dessen er sich verschuldete und dessentwegen er 1945 sofort von der neuen demokratischen Regierung der Ostzone entlassen wurde.


Zu spät gekommen, aber mit dem "deutschen Gruß"!


     Überhaupt muß in den Kriegsjahren die Fürstenschule das reine Räubernest gewesen sein, nach der Zahl der Lehrer zu urteilen, die danach vom Schuldienst entfernt wurden. Leider haben uns deren politisch korrekte Nachfolger, trotz "Gegenwartskunde" und mannigfaltiger anderweitiger politscher Schulung, nie aufgeklärt, worin ihre Naziverbrechen im einzelnen bestanden. Hatten sie uns womöglich vom Endsieg vorgeschwärmt? Das muß allerdings den Krieg glatt um eine Millisekunde verlängert haben.