Wolfgang Wiebach auf Deutsch
Verwunderliche Betrachtungen des deutschen Kriminalwesens


    Die deutschen Kriminalstücke nun entblößen einiges Verwunderliches: zunächst einmal, wie ungezogen, dreist und starrköpfig die deutschen Kinder ihren Eltern gegenüber geworden sind, auch in "besseren Häusern". Sie haben alles, kriegen alles, denken, das muß so sein und tun, was sie wollen. Bestrafungen von der altmodischen Art, also 'ne kräftige Dresche, kommen natürlich nicht in Frage. Wenn einer Mutter wirklich mal die Hand ausrutscht und es setzt eine Ohrfeige, entschuldigt sie sich womöglich danach, was die pädagogische Wirkung vermutlich wieder aufhebt. Noch schlimmer bestellt ist es mit den Teenagers, die genau wissen, daß weder Eltern noch Lehrer sie anrühren dürfen und der Staat sie in keiner Weise bestraft (wenn sie nicht gerade einen Mord begangen haben - und selbst dann setzt es höchstens ein paar Jahre "Jugendstrafe"). Die benehmen sich ja vielfach wie die Wilden und terrorisieren ihre ganze Umgebung. Und dann müssen die Schnösel noch mit "Herr" angeredet werden - diese Ehre wurde mir in der Schule nie zuteil.
    Sicher sind diese Stücke zum Teil übertrieben oder zeigen krasse Einzelfälle; aber man kann sich schon vorstellen, daß es dahin kommt, wenn auf keine Weise Schranken gesetzt werden. Junge wilde Tiere benehmen sich ganz von alleine gebührlich - ich bewundere jedes Frühjahr, wie brav und prompt unsere Gänseküken sich ohne Schubsen und Drängeln hinter der Mama einreihen - aber junge Menschen müssen offenbar mit etwas Gewalt zu zivilisiertem Benehmen gebracht werden. Das ist übrigens ein Punkt, in dem Lichtenberg irrte: Er sagte, der Mensch sei halb Affe und halb Engel, und wenn man ihn bestrafen wolle, mache es keinen Unterschied, welche Hälfte man trifft. Aber die Erfahrung zeigt, daß auch der Affe hin und wieder auf seine Weise zurechtgebogen werden muß.