"Reisen und andere Reinfälle - 1993".

     Wolfgang und Margrit Wiebach reisten nach Mallorca und Österreich.

    Im Laufe des Sommers 1992 verstärkte sich das Gefühl, daß im nächsten Jahr wieder einmal Old Europe dran sein sollte. Da die noch unerforschten österreichischen Wanderziele langsam knapper wurden; und da man außerdem ein wenig baden möchte (und etwaige Badeschönheiten beäugeln - besonders die europäischen, nackigten); und da man sich ferner schon lange gewundert hat, was es nun mit dem berühmten Mallorca und Umgebung auf sich hat - beschlossen wir also, eine dieser Inseln für eine Woche mit unserem Besuch zu beehren.
    So griffen wir zunächst einmal Ibiza heraus, da es kleiner ist und damit in diesem Zeitraum touristisch leichter zu erledigen - ich meine, bewältigen wäre. Außerdem scheint es hinlänglich verrufen zu sein betreffens obenerwähnter nackigter Mädchen. Und schließlich hat Lufthansa eine günstige Verbindung mit Anschluß in Frankfurt.
    So traten wir denn im Oktober mit unserem Begehren an die New Yorker LH Reservierung heran, die zwar die Flüge sofort bestätigte, sich aber hinsichtlich der Preise einige Tage Bedenkzeit erbat. Offenbar gibt es nicht oft Verrückte, die von Washington nach Ibiza fliegen wollen; da muß man sich erst mal hinsetzen und überlegen, vielleicht auch dicke Preislisten wälzen. Mir war das aber ganz recht. Ich hatte nämlich schon einen Preis herausgefunden, mittels Computer durch Compuserve vom Sabre System - aber der gefiel mir nicht. Doch das ist American Airlines, und was wissen die schon von Lufthansa, nicht wahr? So konnte man doch hoffen, daß die LH-Menschen mit einem besseren Preis aufwarten würden, wenn sie sich so anstrengen.

    Und so geschah es auch - just zu meinem Geburtstag kam der Anruf, und dieser Preis war fast 300 Dollar pro Person niedriger! Da sehen wir doch wieder einmal, wie deutsche Handarbeit - wenn auch langsam, so doch sicher - über amerikansiche Computer triumphiert. Da hatte das New Yorker Fare Desk (das sind die Fahrpreis- Experten) wirklich einen guten "Job" getan. (Kann man ruhig sagen, nicht? Das heutige Deutsch strotzt ja von englischen Ausdrücken). Die Frankfurt-Ibiza Karten waren gleich zu bezahlen, die USA-Deutschland Flüge hatten noch eine Woche Zeit.
    Nun hätte ich aber die Überseeflüge besser auch gleich kaufen sollen, denn während dieser Woche hatte die Lufthansa offenbar Zeit, sich diese komplizierte Angelegenheit noch einmal reiflich zu überlegen; oder es lag daran, daß die Reservierungs-Person einen Computer hatte - jedenfalls ermittelte sie innerhalb von drei Minuten, daß der vom "Fare Desk" in drei Tagen ausgearbeitete Preis leider nicht ganz stimme, sondern ein wenig höher sei - so ungefähr 300 Dollar pro Person.
    Man ist man ja willens, fürs Baden umgeben von nackten Mädchenbusen einen gewissen Aufpreis zu bezahlen, aber alles hat seine Grenze. Ibiza fiel flach, und damit schon mal Lufthansas zweifellos fetter Verdienst an diesem Teil der Reise. Die länger-gültigen Transatlantik-Fahrscheine brauchten zumindst nicht sofort bezahlt zu werden.
    Dennoch konnte ich es nicht sein lassen, leicht enttäuscht durch einen alten Touropa Katalog zu blättern, den ich seinerzeit in Ahrensburg aufgegriffen hatte - so um 1980. Diese deutschen Reisekataloge hatten mich immer mit ihren ausführlichen Hotel-Beschreibungen und informativen Bildern beeindruckt -  so ganz anders als die nichtssagenden Broschüren, die man bei amerikanischen Reisebüros bekommt. Da hatte man alles schwarz auf weiß und ganz genau: Meerblick mit Balkon, Frühstücksbuffet, Menüwahl zum Abendessen. Ja, und dann einen billigen Charterflug.

    Das "Reisebüro Weihnacht" hatte vorsorglich seinen Stempel auf den Katalog gedrückt, mit Telefonnummer. Ob es nach 13 Jahren wohl noch existiert? Was nach amerikanischen Verhältnissen höchst unwahrscheinlich wäre: es existierte noch, und mit der gleichen Nummer. Und versprach, einen neuen Katalog über die Balearen von TUI zu schicken, der Nachfolge-Organisation von Touropa - nach seinem Erscheinen in zwei Monaten.
    Ob der wohl je eintrifft? Was nach amerikanischen Verhältnissen wiederum höchst unsicher wäre: So im Januar kam ein Mords-Katalog mit Fahrplan und, wie gehabt, ausführlichen Beschreibungen und informativen Bildern.
    Nur leider sah alles aus wie Miami Beach. Hotelkästen, Riesen-Apartmenthäuser, Swimming Pools voller Kinder und dichtbepackte Strände, womöglich an der Straße. Und Charterflüge nach Ibiza gab es an den für uns passenden Wochenend-Tagen von Frankfurt oder München aus auch nicht. Also wenn überhaupt, käme nur Mallorca in Frage. Hotel Punta Negra schien etwas für sich auf einer kleinen Halbinsel zu liegen, versprach Meerblick mit Balkon, Menüwahl in einem Speisesaal mit Nichtraucherzone, wurde als "ausgewähltes Komforthotel" von TUI besonders empfohlen. Allerdings mit DM 1788 ab München in einer Preisklasse, für die man schon gleich in die Caribbean oder nach Hawaii fahren könnte. Soll man's riskieren?
    Nun bemerkten die Luftlinien offenbar, daß niemand recht an ihren astronomischen Transatlantikflügen anbiß, und senkten die Preise ein paar hundert Dollar; und von einer 21-Tage Beschränkung sprach überhaupt niemand mehr. Also riskieren wir Mallorca.
     Und siehste, Lufthansa, im Oktober standen wir da mit dem Geld in der Hand für den vollen Fahrpreis und den Abstecher nach Ibiza, und da konntet ihr nicht genug kriegen. Jetzt ist nichts mit Ibiza, und über den Atlantik fliegt ihr uns mit Verlust.
    Wie gesagt - Mallorca. Die Abflugzeiten waren nicht das, was sich der kleine Fritz unter angenehmen Abflugzeiten vorstellt. Wenn wir geahnt hätten, daß es am Sonntag erst 17 Uhr ab München geht, hätten wir einen Tag später von Washington abfliegen und uns eine Übernachtung in München ersparen können. Der Rückflug war noch schlimmer: 20 Uhr ab Palma und 22.15 an München; da war an sofortige Weiterfahrt zu unserer nächsten Tiroler Ferienwohnung gar nicht zu denken, zumal wir diese erst in den Bergen finden mußten. Man sollte meinen, daß TUI genug Geschäft bringt und so einen Fahrplan nicht anzunehmen brauchte.

    Die von TUI benutzte Fluglinie nennt sich LTU und ist überhaupt aus Aeroflot hervorgegangen. Da gibt es für einen jeden Flug nur einen bestimmten Schalter, der erst eine Stunde vor dem Einsteigen geöffnet wird. Man hat daher die folgende Wahl: (a) sich zwei Stunden vorher an dem Schalter anstellen und eine Stunde warten, oder (b) sich eine Stunde vorher an dem Ende der Menschenschlange anstellen, die sich nun an dem Schalter gebildet hat, und daselbst eine Stunde warten. Möglichkeit (b) schließt einen Kurzlehrgang im deutschen Volkssport des Drängelns ein, mit praktischen Vorführungen von fortgeschrittenen Teilnehmern. Eine uniformierte junge Dame von anziehendem Äußeren aber mürrischer Wesensart sowie der Unfähigkeit, einen vollständigen Satz herauszubringen, nötigt einem derweil 8 Mark pro Person ab, als Sicherheitsabgabe, die Reisebüros nicht einkassieren könnten (soweit man ihren mageren Worten entnehmen kann. Die Lufthansa, trotz ihrer anderweitigen Fehler, versagt sich entweder diese Bitte zur Kasse, oder bringt es doch fertig, sie gleich mit dem Flugschein zu vereinnahmen).     Die deutsche Sicherheitskontrolle ist sehr gründlich; da wird man richtig "gefilzt", wie hierzulande nach einem mißlungenen Banküberfall. Es fehlt nur noch, daß man die Hosen runterlassen muß. Leider ist mit dem Niedergang der deutschen Kamera-Industrie auch das fotografische Wissen verschwunden; so wird eine Rolleiflex nicht nur nicht auf dem Röntgenschirm erkannt, sondern auch nicht unter Augenschein, und muß von allen Seiten mißtrauisch beschnuppert und belauscht werden, ob sie auch wirklich "knips" macht. Wenn man es sich seinerzeit geleistet hat, Gepäck ohne Passagiere einzuladen, macht man das jetzt wirksam wett, indem man die Passagiere mal ordentlich schikaniert. Kameras mit Film kann man in Deutschland überhaupt nicht mehr mitnehmen.