Wolfgang und Margrit Wiebach reisten nach Mallorca und Österreich - Text-Seite 2.

    Aber wie gesagt - Hotel Punta Negra.  Ein Hotel-Jüngling konfisziert unsere Pässe (komisch - hat der eigentlich ein Recht dazu?!) und bringt uns in ein Zimmer mit zugezogenen Gardinen. Aha, das Hotel ist also "amerikanisiert", oder? Ehe er sich aus dem Staub machen kann, halte ich ihn an, die Vorhänge zu öffnen - wer will sich schon mit all den Strippen herumschlagen. Der "Meerblick" ist etwas schmal ausgefallen, so etwa Handbreite. Der Rest des Blickfeldes wird von zwei langen Mauern ausgefüllt. Und wo, bitte schön, ist der versprochene Balkon? Ja, sagt der Hoteljüngling, den gibt es leider heute nicht, aber morgen.
    Now wait a minute! Haben wir nicht vor mehr als zwei Monaten ein Zimmer mit Meerblick und Balkon bestellt? Haben wir dieses nicht bereits voll bezahlt? Haben wir nicht eine schriftliche Bestätigung dafür erhalten von einem angesehenen deutschen Reiseunternehmen, das ausgezeichnete Kataloge produziert und auf das man sich daher felsenfest verlassen kann?
    Der Manager ist nicht da, denn es ist Sonntag. Wir finden endlich den Assistant Manager. Was ist los mit unserem bestellen, bezahlten und bestätigten Zimmer? "Overbooking". Punta Negra hat 69 Zimmer, so erklärt er uns schließlich, aber bietet insgesamt 80 den Reiseunternehmen an. Und übrigens, es wird wohl zwei Tage dauern, bis ein Balkonzimmer frei wird. Die "Bungalows" sind auch alle besetzt.
    Mir bleibt die Spucke weg. Das läßt sich TUI gefallen? Sind die überhaupt deutsch oder vielleicht bulgarisch? Wo sind denn die deutsche Zuverlässigkeit, Redlichkeit und lauteres Geschäftsgebaren? So etwas ist mir ja noch nicht einmal in der Karibik passiert. Das geht hier, was, seit 30 Jahren vor sich, und die Leute fahren immer noch hin?! Für dieses Land ist Hemingway in den Bürgerkrieg gezogen?
    Und wo bleibt der Strom von Entschuldigungen seitens des Übeltäters, der rote Kopf, die unterwürfige Haltung, Versprechen, die Panne wieder gutzumachen, Beteuerungen, es nie wieder zu tun? Pustekuchen. Ach natürlich, die Spanier sind ja ein stolzes Volk. Und im modernen Geschäftsleben werden prinzipiell keine Entschuldigungen geäußert, denn damit würde man ja seine Schuld zugeben - Grundsatz Nummer eins.

    Es ist spät geworden, und wir gehen in den Speisesaal, bekommen einen Tisch angewiesen. Margrit fragt nach Nichtraucher - stimmt, das gibt's ja hier. Der Oberkellner guckt ein bißchen komisch, führt uns zu einem anderen Tisch, an der Wand und mehr in der einen Ecke gelegen. Zehn Minuten später gucken wir komisch: die Leute genau in der Ecke fangen an zu rauchen. Der Rauch weht rüber, starkes Kraut, Margrit bekommt prompt Kopfschmerzen. Auf der anderen Seite vom Speisesaal wird auch geraucht, hie und da qualmt es, schön demokratisch verteilt damit jeder etwas abbekommt. Unsere Tischnachbarn, ein Ehepaar aus Berlin, sind auch verdrossen; sie hatten sich das Hotel hauptsächlich wegen der angepriesenen Nichtraucherzone ausgesucht. Der Oberkellner weiß nichts dazu zu sagen.
    Die Menüwahl besteht nur aus zwei Angeboten per Gang, aber blumenreich beschrieben. Ich bin nun auch ein bißchen bedusselt und bestelle Forelle. Mensch, wir sind doch nicht in den Rocky Mountains. Auf Mallorca gibts keine Forellen, die kommen - woher? Vielleicht aus den Rocky Mountains, 5000 Meilen und drei Monate im Gefrierfach - schmecken auch entsprechend. Das Hotel ist doch nicht amerikanisiert - kein Wasser auf dem Tisch. Wir bestellen Wasser, kriegen eine Quittung zur Unterschrift unter die Nase gehalten. Wofür? Für's Wasser. Nein, nein, Leitungswasser bitte. "Unser Leitungswasser ist salzig". Spinner. Ich quittiere: 225 Peseten, das sind zwei Dollar! Wir erhalten: einen halben Liter Wasser, in Worten: 1/2.      
    Nach einem ermüdenden und enttäuschenden Tag, Zähneputzen in unserem (balkonlosen, meerblick-armen) Zimmer. Ich werd' verrückt - das Leitungswasser ist tatsächlich salzig, igitt. Die haben Meerwasser in ihrem Leitungssytem! Das hat der ausführliche, informative und objektive TUI-Katalog seltsamerweise gänzlich zu erwähnen vergessen. Zum Glück habe ich noch eine amerikanische Apfelsine dabei. Margrit möchte duschen, kriegt aber den Hebel für die Dusche nicht 'rum - hoffnungslos vom Seewasser korrodiert. Der Duschvorhang hängt brav an seiner Stange.
    Eine geistig unbedarfte Hotelleitung würde in einem solchen Fall vielleicht die Torheit begehen, seinen Gästen Trinkwasser kostenlos zur Verfügung zu stellen, oder wenigstens zum Selbstkostenpreis, oder allenfalls zum Ladenpreis. Die gewitzigte Leitung des Punta Negra dagegen hat das Profitpotential dieser Sachlage richtig erkannt, nämlich daß man Verdurstenden Wasser mühelos zum Wucherpreis verkaufen kann. Der Ladenpreis ist so um 90 Peseten - also 80 cent - für fünf Liter; der zusätzliche Profit des Hotels beträgt kühle 2400%.

    Am nächsten Morgen auf der Suche nach dem "richtigen" Manager treffe ich in der Halle den Hoteljüngling, der uns gestern zuerst ein Balkonzimmer für den folgenden Tag versprochen hatte, also heute, was aber laut Assistant Manager doch noch nicht verfügbar ist. So sage ich ihm, daß er uns gestern belogen hat, und womit. In Kenntnis von "Grundsatz Nummer eins" erwarte ich natürlich keine Entschuldigung; aber nun bekomme ich Grundsatz Nummer zwei vorgeführt: energisch abstreiten, gesagt zu haben, was immer man gesagt hat. Wieder etwas Neues gelernt.
    Jedoch war es dem Manager vorbehalten, uns in die höchste Sphäre  der modernen Hoteltheorie einzuweihen: Grundsatz Nummer drei: Wenn irgend möglich, die Schuld dem Kunden zuschieben. Wir stritten uns zuviel mit seinen Angestellten und störten damit den Hausfrieden und sollten daher besser in ein anderes Hotel umziehen. Ich muß sagen, diese Unverfrorenheit grenzt schon fast an Genialität. Wirklich, Reisen bildet.
    Nun kann ich diesem Mann aber doch nicht die beste Note im "Umgang mit Kunden" erteilen, denn er rutschte nach der anfänglichen Glanzleistung ab und fragte, ob wir vielleicht einen Bungalow haben wollten. Ich blickte erstaunt zu dem Assistant Manager hin, der hinter seinem Tischchen saß, und schnell erklärte, ja, heute früh sei überraschend jemand vorzeitig abgereist. Hm, vorzeitig mit Charterflug? Obwohl erst 8:30, war das Zimmer vollständig aufgeräumt und zurechtgemacht - seltsam frühe Zimmermädchen. Und der vorzeitige Abreiser mußte den letzten Abend wohl schweigend im Gebet verbracht haben, denn unsere neuen Nachbarn hatten kein Lebenszeichen in dem Zimmer bemerkt. Sie hatten übrigens auch ein paar Tage in einem gewöhnlichen Zimmer auf ihren Bungalow warten müssen, der ebenfalls bestellt, bezahlt, bestätigt und - natürlich - bei der Ankunft nicht erhältlich war. Offenbar wird also das folgende Verfahren angewendet: Die überzähligen Bungalow-Leute erhalten ein Balkonzimmer, und die überzähligen Balkonzimmer-Leute werden in ein Zimmer ohne Balkon gesteckt. So wird diese letztere, ansonsten schwer vermietbare Kategorie nicht nur gefüllt, sondern dies sogar zu einem besseren Preis. Die TUI scheint es sich ja gefallen zu lassen.

    Nun entpuppte sich unser Bungalow aber nicht als so großartig, wie es sich zuerst angehört hatte. Es war nur das zweite Schlafzimmer eines 3-Zimmer Bungalows - allerdings mit eigenem Eingang; aber kleiner und dürftiger möbiliert, als die normalen Balkonzimmer. Auch hatte die Baumreihe vor der Terrasse daselbst eine Lücke, so daß es nachmittags keinen Schatten gab. Wenigstens waren unsere Nachbarn, mit denen wir die Terrasse teilten, ruhige Leute; aber das kann sich kaum das Hotel als Verdienst anrechnen. Ihre Hälfte hatte Schatten.     Ach ja, und was hatte der Manager über seine fehlende Nichtraucherzone zu sagen? Er könne es doch nicht ändern, wenn jemand plötzlich rauche. Nee, natürlich nicht, wenn es Raucher sind, die schon immer rauchen wollten, über welchen Umstand sie leider niemand befragt hat. So ein richtiger spanischer Oberkellner sieht es den Leuten doch an der Nasenspitze an, ob sie rauchen oder nicht, und weist ihnen entsprechend Plätze an, mit unfehlbarem Spürsinn. Wenn er daran denkt.