Wolfgang und Margrit Wiebach reisten nach Mallorca und Österreich - Text-Seite 3.

    Am Montag Nachmittag tauchte Frau Wagner auf, unsere "TUI-Tante", um uns nun mal so richtig zu betreuen. Zunächst eröffnete sie einem TUI-Mitleidenden - ich meine, Mitreisenden, daß sich seine Rückflugzeit ein wenig verschieben würde, von 20 auf 23 Uhr, mit Ankunft gegen halb zwei morgens. Der ist seltsamerweise nicht explodiert, sondern schaute bloß betroffen drein und bemerkte, das würde aber ein bißchen spät für die Kinder - ein schon ganz Abgebrühter, muß wohl Stammgast bei TUI sein. Ich äußerte mein Befremden darüber, daß sich TUI so etwas gefallen läßt - sollte doch als maßgebliches deutsches Reiseunternehmen genügend Einfluß haben ... und so weiter. Eigentlich hätte sie das ja als Kompliment nehmen können, wieviel ich ( immer noch) von ihrem Unternehmen hielt; sie schien es aber mehr als Kritik aufzufassen.     Unsere Sage vom fehlenden Meerblick, fehlendem Balkon und fehlendem Nichtrauchergebiet entgegnete sie gleich mit schwerem Geschütz: über die Weite des Meerblicks könne man sich ja streiten, nicht wahr? (Grundsatz drei: unser Urteilsvermögen bezüglich des Meerblick-Bildwinkels ist mindestens fragwürdig, wahrscheinlich völlig verfehlt). Bei dem Balkon ließ sich allerdings mit Drei nichts machen, aber Eins wurde natürlich befolgt: "Wieviel Nächte?", und eine wortlose Eintragung ins Notizbuch. Nur nicht weich werden und etwelches Bedauern ausdrücken; dafür gibt es zu viel Leiden auf Mallorca. Die Eintragung ist aber nie bei TUI angekommen, denn ich habe von dort auch niemals eine Entschuldigung empfangen, geschweige denn eine Rückzahlung.
    Auf das Raucherproblem war nun tatsächlich kein spanischer Lehrsatz anwendbar, und sie sagte geradezu: "Da muß ich doch mal mit dem Oberkellner sprechen". Aber dann fiel ihr ein: "Ach, sie haben es ihm schon gesagt? Na, dann ist es ja gut". Das was nun wirklich ein Kompliment für mich, bezüglich meines Einflusses bei Punta Negra. Die wollten mir das natürlich nicht eingestehen und haben ihren Speisesaal erst nach unserer Abfahrt umgemodelt, davon bin ich überzeugt.

    Trotz allem haben wir dann bei ihr noch ein Mietauto bestellt: 10.000 Peseten für drei Tage. Das sind rund 90 Dollar; dafür konnte man es hierzulande fast für eine Woche kriegen; und eigentlich waren es auch nur zweieinhalb Tage. Aber jedenfalls wollten sie wenigstens Kreditkarten annehmen - zehntausend Peseten. Am nächsten Morgen um acht tauchte tatsächlich ein Autojüngling auf und präsentierte einen Mietvertrag, und auf dem stand geschrieben: Pta 15.000, ja und bitte 5000 davon in bar.
    Nun werd' ich aber verrückt. Kann man sich denn in diesem Lande auf überhaupt nichts verlassen? Wird man an allen Ecken und Enden übervorteilt, betrogen und hinter's Licht geführt? Der Hoteljüngling übersetzte für den Autojüngling, die extra 5000 seien als "Sicherheit" gedacht, daß man auch den Tank wieder auffülle. 50 Dollar Benzin für so ein kleines Auto? Spinner. Und wieso als bare Vorauszahlung statt einfach als offenen Posten auf dem Mietvertrag? Und wieso hatte die TUI-Tante davon nichts verlauten lassen? Denkt die denn, daß wir hier mit 50 Dollar in bar herumsitzen als bequemes Opfer aller mallorcanischen Taschendiebe?
    Vor die Wahl gestellt, entweder unverrichteter Dinge abzuziehen, oder einen weiteren Kreditzettel für die 5000 anzunehmen, nahm er an. Wir haben das Auto aber dann selbst aufgefüllt, denn wer weiß, wieviel die pro Liter berechnen würden. Auf wieviel kam das also für das kleine Auto? Na, so an die 50 Dollar. Aha, billiges Reiseland. Das nächste Mal sollte man vielleicht in Amerika Urlaub machen?
    Am Dienstag hatte sich Hotel Punta Negra wieder etwas Feines ausgedacht: Abendessen bei Kerzenschein. Freilich war es zur Essenszeit noch taghell, weshalb sich das Hotel die Kerzen vernünftigerweise ersparte. Der andere Teil des Gala-Essens ist ja auch viel wichtiger, nämlich, daß man die Menüwahl um eine Auswahl verringern kann, welche die Gäste bei der Feierlichkeit der Aufmachung gar nicht vermissen. Zweifellos nur wegen des fehlenden Kerzenscheins bemerkten wir aber, daß damit die Gesamtwahl bei eins angekommen war, was keine besonders gute Auswahl darstellt. Ich bin überzeugt, daß TUI davon noch nie etwas vernommen hat, denn sonst könnten sie ja nicht "Menüwahl" in ihrem Katalog versprechen.

    Nun hatte sich das Hotel allerdings mit der Gestaltung dieses einen Essens besonders Mühe gegeben und Lachs von fernen nördlichen Meeren herankommen lassen. Auf der langen Dampferfahrt ins Mittelmeer hat dieser Zeit, genügend abzustehen und die richtige Reife zu erlangen. Dieser Prozess der Verfeinerung kann dann noch durch geeignete Verarbeitung auf die Spitze getrieben werden, indem man nämlich den Fisch zu einem Mus zerstampft. Die damit verbundene gründliche Belüftung der Fischfasern beschleunigt weiterhin den Prozess der Oxydation, der zu dem geschätzten Fischmarkt-Duft führt. Kombiniert mit dem allweil beliebten Spinatgemüse und einem zwei-Dollar Wasserfläschchen, hatte Punte Negra damit einen kulinarischen Meilenstein gesetzt, den man nicht so bald vergessen wird.     Was wäre nun über die Insel zu berichten? Der westliche Gebirgszug, mit gewundenen Bergsträßchen, alten Städtchen und der Steilküste, ist recht reizvoll. Man kann das morgens zwischen 6 und 8 Uhr genießen, bevor Riesen-Busse in schier endlosen Kolonnen die Sträßchen versperren und die Parkplätze in den Städtchen besetzen, und die Masse der Fahrgäste die Ruhe und die Aussicht stört. Die mallorcanischen Ausflugs-Unternehmen sparen da nicht am falschen Ende, sondern erwerben ausschließlich die längste und breiteste Sorte von Fernreise-Bussen. Daß die dann nicht um die Kurven kommen, spielt ja keine Rolle. Und die Personenautos müssen sich halt schnell irgendwo rechts ins Gebüsch quetschen, wenn sie auftauchen, was hinter jeder Kurve geschehen kann. Wenn sie in der Kurve auftauchen, heißt es eben zurücksetzen - wozu bestehen sie auch darauf, auf einer so populären Insel herumzukutschen. (Die Busse selbst müssen sich wohl abgesprochen haben, nur zu bestimmten Zeiten in bestimmte Richtungen zu fahren, denn sie können sich unmöglich begegnen).

    Wie stand es nach all dem nun eigentlich mit den nackten Schönen, wird der ungeduldige Leser fragen. Leider muß berichtet werden, daß die Damen des Punta Negra entweder nicht das eine, oder nicht das andere waren. Der El Trenco Strand hatte Besseres zu bieten, aber ist nur mit Auto erreichbar und dadurch ein teuerer Spaß - dreißig Dollar pro Tag. Der winzige Strand von Punta Negra wurde allerdings wenigstens am Wochenende anderweitig belebt, und zwar durch Jugendliche mit schußbereiten Spear Guns, die diese unternehmungslustig in verschiedne Richtungen zückten - über und vermutlich auch unter Wasser. Ferner betrachten einheimische Bootsbesitzer die winzige Bucht am winzigen Strand von Punta Negra offenbar als idealen Ankerplatz für einen Tag mit Familie und Kindern, deren fröhliches Geschrei alsbald die winzige Bucht erfüllt. Natürlich fühlt sich eine ganze Familie auf so einem kleinen Boot etwas beklemmt und beginnt daher, sich am winzigen Strand auszubreiten. Und wenn den lieben Kleinen vielleicht der Strand zu langweilig wird, dann ist ja auch der Hotel Swimming Pool zur Hand, den für die Hotelgäste zu reservieren natürlich nicht mit der köstlichen mallorcanischen Ungezwungenheit zu vereinbaren wäre.     Was das Hotel allerdings nach Kräften versucht, ist, einem die gezückten unterwässrigen Spear Guns nicht allzu deutlich ins Bewußtsein kommen zu lassen, indem es die dafür erforderlichen Masken und Schnorchel einfach nicht bereithält. Was man nicht sieht, macht einen nicht heiß. Das ist so eine neumodische Sitte, die in den karibischen Hotels eingerissen hat, den Gästen Masken, Schnorchel und Flossen auszuleihen; aber man braucht ja auf Mallorca nicht jeden Unsinn mitzumachen, besonders, wenn er dem Hotel etwas kosten würde. In demselben Sinne hat man natürlich davon abgesehen, für die Gäste etwaige Boote anzuschaffen - sie könnten am Ende seekrank werden, wovor man sie auf jeden Fall bewahren muß.