Wolfgang und Margrit Wiebach reisten nach Mallorca und Österreich - Text-Seite 4.



    Dies war der Tag der Rückreise. Nach der Stunde Drängel-Unterricht auf dem Flughafen Palma enden wir in einer Maschine, die anderweitig mit einem Kindergarten gefüllt zu sein scheint. Margrits dringende Forderung nach einem rauchfreiem Sitz landete uns in der ersten Reihe, allerdings im Mittelblock. Da kriegt man zwar nicht die Rückenlehne des Vordermannes ins Gesicht geschoben, hat aber nicht viel Platz für die Beine. Dessen ungeachtet versucht ein ständiger Strom von Groß und Klein über diese zu klettern, um zu dem anderen Gang mit dem Klo zu kommen, oder auch nur so zum Zeitvertreib. Mit einem fröhlichen "Ach, dürfen wir mal eben" machen sie sich mit bayrischer Kletterfertigkeit über uns her, ohne groß auf eine Antwort zu warten. Wenn ich "Nein" sage, sind sie beleidigt und versuchen es trotzdem.     Wie gesagt, die spät-nächtliche Ankunft in München schließt eine sofortige Weiterfahrt aus; außerdem, wie ich die deutschen Mietwagen-Läden kenne, sind die längst zu. Die Hamburger "Weihnachtsmänner" haben uns in einem Hotel am Flughafen einquartiert, das auf den seltsamen Namen Mövenpick hört und das nun wirklich amerikanisiert zu sein scheint, indem es einen Pendelbus zum Flughafen unterhält. Wir freuen uns, daß wir den letzten Bus noch erwischen, und fühlen uns nun wieder ein bißchen wie zu Hause. Das war aber verfrüht, denn am nächsten Morgen taucht der Hotelbus mit 7,50 pro Nase und Fahrt auf der Rechnung auf, und entpuppt sich damit als vollkommen unamerikanisch. Wenigstens hatten sie trinkbares Wasser.

    Die extra Nacht in München nach dem Mallorca-Abstecher verteuerte natürlich das "Abenteuer Mallorca" sehr unliebsam, erwies sich aber in anderer Beziehung als "Lebensretter". Wir standen nämlich ohne Geld da - nein, nicht wegen spanischer Taschendiebe, sondern wegen deutscher Bankbeamten; das ist wörtlich zu nehmen, wie in Deutsche Bank. Dieses Unternehmen unterhält seit eh und je eine Wechselstube auf dem Münchener Flughafen, zu der wir - auch seit eh und je - Geld von der Hamburger Sparkasse schicken ließen. Auf dem neuen Flughafen ist die Sache nun komplizierter, da es neben der Wechselstube noch eine Filiale gibt, gleich nebenan und mit einer Verbindungstür. Die bedeutet aber nichts, denn die beiden Gruppen reden nicht miteinander; vielleicht ist die Tür überhaupt ständig verschlossen. Das liegt zweifellos daran, daß die Wechselstübler auf die Filial-Insassen neidisch sind, weil diese normale Bankstunden einhalten dürfen und Samstags und Sonntags nicht zur Arbeit zu erscheinen brauchen.     Wir trafen zuerst von Washington an einem solchen Samstag in München ein und begaben uns zielstrebig, und wie gewohnt, zur Wechselstube. Der Überweisungszettel von Hamburg war hingegen bei der Filiale abgeliefert worden, wo man ihn in einen der großen stählernen Schubkästen an der Rückwand des Raumes abgelegt hatte. Dort war er dann sehr gut aufgehoben, und der Deutsche Bank-Beamte hatte damit seine Pflicht getan. Zu lesen braucht man diese Dinger natürlich nicht; eine solche geistige Sonderleistung wäre doch von einem Angehörigen des deutschen Wohlfahrtsstaates zu viel verlangt. Wen kümmert es auch, daß der eingetragene Auszahlungstag auf einen Samstag fällt, wo man als Filial-Insasse, Gott sei Dank, geschlossen hat? Wenn da jemand was will, der soll halt andamoi wiedakumma, gelt?

    Das Mädchen mit dem langen Zopf in der Wechselstube wollte uns zunächst gleich abwimmeln, als wir nach Geld fragten; denn bei einer Wechselstube muß man erst Geld bringen, ehe man welches kriegt. Als wir ihr aber den Durchschlag von dem Überweisungsauftrag unter die Nase hielten, den uns die Hamburger Sparkasse noch nach Amerika geschickt hatte, wurde sie nachdenklich und ahnte wahrscheinlich schon Böses. Dennoch wahrte sie zunächst eine optimistische Haltung und holte einen kleinen Stapel Papierchen, den sie dreimal durchsah. Sie machte das ordentlich gründlich; aber das half natürlich alles nichts, und unsere Hoffnung sank bei jedemmal tiefer. Sie äußerte schließlich mit hilflosem Achselzucken die Vermutung, daß unser Papierchen wahrscheinlich in der Zentrale läge, die am heutigen Samstage natürlich leider geschlossen sei. Ihre Schätzung war im Prinzip zutreffend - sie kennt offenbar ihre Pappenheimer - aber um einige dreißig Kilometer zu weit weg: es lag gleich nebenan im Schubkasten in der Filiale. Die Tür dahinein ist vielleicht überhaupt nur an die Wand gemalt.     So wenn wir nicht eine Woche später, nach der Rückkehr von Mallorca, noch an einem Montag Morgen in Flughafen-Nähe gewesen wären, hätten wir unser Geld nie bekommen. Und fünf Mark Gebühr waren selbstverständlich auch an die Filiale zu zahlen; wegen eines verpatzten Auftrags wird doch nicht etwa die Gebühr gestrichen, nicht wahr, wo kämen wir denn da hin?!
    Es war aber wieder einmal ein lang-vermißtes Gefühl, ohne Geld durch die Lande zu ziehen. Das weckte alte Erinnerungen; so für eine Woche fühlten wir uns wieder richtig jung.
    Natürlich hatten wir zuerst überhaupt keine Ahnung, was mit der Geldsendung schiefgegangen war, und unser nächster Gedanke bestand darin, Frau Wolf bei der Hamburger Sparkasse anzurufen und die Sache von diesem Ende her untersuchen zu lassen. Die sind aber natürlich Sonnabends und Sonntags auch geschlossen. Aha, ein Fax schicken - das sieht sie dann am Montag Morgen und kann sich gleich dahinterklemmen.

    Hotel Huber, unser Münchener Stammplatz, besitzt eine Faxmaschine - kann man bei ihren Preisen auch erwarten - und nun braucht man bloß eine Fax Nummer. Was Hotel Huber nicht besitzt, ist ein Nummern- Verzeichnis von so weit weg wie Hamburg. Aber da gibt es ja eine Post-Auskunft (oder nennt die sich jetzt Telekom - ich dachte das Wort "Tele" hatte meine alte Firma Telefunken gepachtet?) Da stellt sich leider heraus, daß die Hamburger Sparkasse es zu einer Faxmaschine noch nicht gebracht hat. Oder daß sie die Nummer geheim hält, vielleicht um nicht unnötig von sogenanneten Kunden belästigt zu werden. Oder daß die Deutsche Bundespost, in der Aufregung, sich umzunennen, diese leider verloren hat. Jedenfalls: Fehlanzeige.     Montag von Mallorca aus anrufen? Viel Glück, mit den extra Hotelgebühren und der Wartezeit in der Hamburger Zentrale. Also bleibt wohl nichts weiter übrig, als einen Brief zu schreiben - hoffen wir, daß der noch vor dem nächsten Wochenende ankommt. Hotel Huber hat Briefpapier, und das Mädchen im Empfang spendet mitleidig eine Briefmarke - kostet jetzt offenbar eine Mark in Deutschland, hat der Mensch Worte. Fehlt nur noch eine Anschrift, auf die man sich nach einer schlaflosen Nacht im Flugzeug auch nicht recht besinnen kann. War das 2000 Hamburg 11, oder so ähnlich? Das Huber-Mädchen erinnert sich undeutlich, daß die Postleitzahlen gerade geändert worden sind - oder waren das die Telfonnummern? Probieren wirs und hoffen das Beste. Dann gleich zur Post getragen - oder nennt sich das jetzt vielleicht Telepap?